Wir

von Pyar

 

Vielleicht erinnert ihr euch: Vor einem guten Jahr schrieb ich für dieses Magazin einen Artikel über die Entfremdung zwischen Geld und Wert, die wir als moderne Kreditkartenbenutzende, Internet-Banking-bedienende Menschen heutzutage erfahren und die uns oft heillos überfordert.
Die Beobachtungen, die ich damals zu Beginn der Bankenkrise hier niederschrieb, waren einer der Keimlinge meines neuen Buches WIR. Mein Anliegen dabei ist, Spiritualität und die Beschäftigung mit aktuellen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Themen zu verbinden.

Obwohl ich keine Expertin für Wirtschaft oder Ökologie bin, hoffe ich so Anregungen geben zu können, wie wir mit anstehenden Problemen kreativ umgehen können. Ich wage das deshalb, weil ich sicher bin, dass wir vieles, was uns unter den Nägeln brennt und uns leiden lässt, nur lösen können, wenn wir bereit sind, auf einer sehr tiefen Ebene unseres Geistes dazuzulernen und umzudenken. Und genau das ist das Gebiet, auf dem ich seit Jahren arbeite.

Wir alle wissen zutiefst, dass wir in einem staunenswerten, das All durchwirkenden Netz der Verbundenheit verwoben sind. Die Inder verwenden dafür das Bild von Indras Netz. Wir sind ein großes WIR, und doch leiden wir oft an Abtrennung, an Unverständnis, an Entfremdung, erleben Begrenzung und Hilflosigkeit, ökologische, soziale und wirtschaftliche Krisen und Probleme. Um mit den Herausforderungen unserer Zeit intelligent umgehen und ökologische, soziale und politische Probleme nachhaltig lösen zu können, halte ich es für wesentlich, dass möglichst viele Menschen ein tiefes Verstehen und eine tiefe eigene Erfahrung der überpersonalen Dimension des klaren Gewahrseins des Geistes gewinnen und stabilisieren. Und nicht weniger wichtig ist es, die Wirklichkeit der wechselseitigen Verbindung und Abhängigkeit aller Wesen zutiefst zu verstehen, zu erfahren und umzusetzen.

Meines Erachtens kann es uns mit dieser Sicht aus dem reinen Gewahrsein und im Erfahren der Vernetztheit unserer inneren Strukturen und unserer Umwelt sicherlich gelingen, adäquat auf die Herausforderungen unserer Zeit zu antworten und dabei ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen. Ich wage zu behaupten, dass diese Sicht aus umfassenderem Gewahrsein heraus die Grundlage für jede nachhaltige Veränderung ist, die über ein Flickwerk hinausgehen soll, und ich halte diese Sichtweise daher für unabdingbar für uns alle, welchen Beruf wir auch ausüben oder welche Lebensform wir auch pflegen.

Entfremdung bedeutet, dass einem etwas fremd ist oder sich fremd anfühlt, obwohl es von Natur aus vertraut und nahe wäre. Das wird zu Recht als leidvoll empfunden. Besonders heikel wird die Angelegenheit jedoch, wenn wir uns an eine Entfremdung so sehr gewöhnt haben, dass wir sie gar nicht mehr als schmerzlich wahrnehmen, denn dann geht uns die Motivation zur Veränderung verloren, obwohl sie dringend nötig ist. Ein Beispiel dafür ist die Entfremdung gegenüber unserer Nahrung. Viele Menschen sind bereits so daran gewöhnt, Nahrung in Pappschachteln und anderen Verpackungen – meist sogar bereits gewürzt, gekocht und geschmacksverstärkt – zu kaufen, dass sie kein eigenes Gefühl mehr für ihre Nahrung und ihr Bedürfnis haben. Sie haben verlernt, Nahrung unverfälscht auszuwählen und zu verarbeiten. Am Ende steht man da und ist tatsächlich auf die Inhaltsangaben auf der Verpackung angewiesen und bezieht seine Information aus der Werbung. Kürzlich sah ich im Fernsehen eine Sendung mit Tim Mälzer: „Deutschland isst“. Es war beeindruckend zu sehen, wie er eine Familie, die bis dahin im Wesentlichen Fertigprodukte aß und mit frischen Nahrungsmitteln gar nicht umzugehen wusste, dabei begleitete, ein Bewusstsein für Nahrung zu entwickeln. Und es war schön zu sehen, wie offen die Familie nach einer Woche war zu lernen und Neues auszuprobieren. Solche Aufklärung und Information halte ich für inspirierend und dringend notwendig.

Das ist bereits ein Beispiel dafür, wie in ganz grundlegenden Bereichen Entfremdung überwunden werden kann: Als Erstes muss sie als solche wahrgenommen werden, und das kann schmerzlich sein. Dann ist es möglich, eine neue Beheimatung zu beginnen, das was uns fremd wurde, wieder freundlich aufzunehmen und zu integrieren. Diese Integration erfordert Offenheit und Lernen. Ähnlich wie in dem Beispiel mit der Nahrung ist es in vielen Bereichen unseres Lebens. Wir kämpfen zum Beispiel mit einer Informationsflut, die wir nicht mehr verarbeiten können, wir erleben die Diskrepanz zwischen sinnlichem Erfahren und virtuellen Welten etc. Auf all diesen Gebieten ist eine Wieder-Beheimatung notwendig und möglich.

In all diesen Bereichen ist es wesentlich, zunächst Gewahrsein und Achtsamkeit aufzuwenden, um mehr Klarheit zu gewinnen.
Wenn ich zum Beispiel gerade vor dem Computer sitze und von E-Mails überflutet werde, ist es eine gute Übung, sich zwischendrin der 8 Ecken des Raumes, in dem ich mich befinde, zu erinnern. Ja, da ist viel Raum vor mir, über mir, neben mir, hinter mir. Und schon fällt es leichter Überblick zu gewinnen und herauszufinden, was wirklich relevant und notwendig ist. Denn genau das ist oft unser Problem: Wir haben zu viel und finden unseren Punkt von Genug nicht. Sei es in der Arbeit, beim Essen, im Umgang mit Information und Unterhaltung. Oft greifen dann auch unbewusste Mechanismen aus uralten Zeiten, die uns z.B. sagen: Man kann nie genug Information haben. Das galt auch bis vor wenigen Jahrzehnten, und unsere Hirne passen sich den neuen Gegebenheiten nur langsam an. Deshalb müssen wir Bewusstheit einsetzen und unsere Fähigkeit, uns als verbundene Wesen, als ein WIR zu begreifen.

Dieses WIR können wir dabei groß oder klein ansetzen – es beginnt bereits bei 2 Wesen und hat nach oben kein Ende. Und es ist gleichermaßen gültig bei 2 Wesen wie bei 2 Millionen. Das ist sehr wichtig, denn unsere tatsächliche Kapazität, als menschliche Wesen funktionsfähige Beziehungen aufzubauen und zu halten, ist beschränkt – ich nenne das Beziehungsarme. Die meisten Menschen haben ca. 10 Beziehungsarme, die sie aktiv pflegen können, über die sie aber indirekt mit allem und allen verbunden sind. Und unser Wohlwollen und unsere verbindliche und verantwortliche Haltung, die sich aus der Meditation entwickelt, bezieht sich natürlich immer aufs Ganze. Dabei darf sich jeder gleichzeitig und ganz natürlich als Mittelpunkt des Ganzen, als Mittelpunkt des unendlichen Netzes Indras empfinden.

Nur darf man nicht vergessen, dass das für jeden anderen genauso gilt und dass jeder von uns in dieses Netz hineinwirkt. So ist niemand eine Insel und niemand ist wirkungslos. Die Wirksamkeit unserer Gedanken und Handlungen hört dabei nicht mit dem Ende von Gedanke oder Handlung auf, sondern breitet sich aus über lange Zeit. Wie eine Welle in einem unendlichen See.

Pyar, praktische Ärztin in eigener Praxis, ist verheiratet und lebt in München in einer Wohn- und Lebensgemeinschaft mit Menschen, die ihre Arbeit mittragen und organisieren.
Die Suche nach Wahrheit und ihr Durst, das Wesen der Wirklichkeit zu verstehen, führte sie 1990 zu Osho. Er gab ihr den Namen PYAR (Sanskrit Pyar: Liebe). Oshos Vermittlung, die den Wert vieler Traditionen des Ostens und Westens aufnimmt und besonders zum tieferen lebensnahen Verständnis des Buddhismus im Westen beigetragen hat, war für Pyar klärend und prägend. Begleitet von Samarpan Golden konnte Pyar immer beständiger erfahren, was als spirituelles Erwachen oder auch Erleuchtung bezeichnet wird.
Zeitgleich begann Sie in der Form des Satsang anderen Menschen zu vermitteln, was der wesentliche Wert ihres Erfahrens ist, das nicht unbedingt religiös sein muss, aber die Persönlichkeit eines Menschen grundsätzlich zu öffnen vermag.
Seit 1999 lehrt und vermittelt Pyar auch in mehrtägigen Retreats und Intensives.

Buchtipp:
WIR

Wege zur Verbundenheit
Pyar Troll / Aurum Verlag

Satsang mit Pyar
Köln vom 5.-7. März 2010
Infos: Nityam, Tel. 0221 - 58919258

Informationen und Satsangtermine:
Internet: www.pyar.de